Der unterschätzte Kontinent. Reise zur Mittelschicht Afrikas
Gaus, Bettina

Der unterschätzte Kontinent. Reise zur Mittelschicht Afrikas

Art.Nr.: 2215
ISBN: 9783821865171

19,95 EUR*

 

Inhalt

Die Entdeckung eines ganz anderen Afrikas Bettina Gaus erzählt in einer faszinierenden Reisereportage von einem Kontinent, wie wir ihn noch nie gesehen haben. Und von den Menschen der Mittelschicht, die gar nicht so anders sind als wir. In Afrika leben nur viele Arme, eine kleine korrupte Elite und Angehörige von Hilfsorganisationen? Falsch. Überall in Afrika gibt es eine Mittelschicht, Menschen, die uns ähnlicher sind, als wir glauben: Lehrer, Ärztinnen, Anwälte, Architekten, Journalistinnen, Tankstellenpächter. Sie haben die gleichen Wünsche und Sorgen wie wir: ein sicheres Einkommen, die richtige Schule für die Kinder, eine glückliche Ehe, beruflichen Aufstieg. Sie – und nicht die ausländischen Helfer - sind es, die Afrika zusammenhalten und verhindern, dass der ganze Kontinent im Chaos versinkt. Für dieses Buch reiste Bettina Gaus durch 16 Länder südlich der Sahara – von Kenia, Tansania, Mozambique über Sambia und Angola bis hin zu Nigeria, Ghana und den Senegal. Sie sprach mit Menschen über deren Leben, die Zukunft ihrer Kinder und die Zukunft Afrikas.

Autorin

Bettina Gaus, geboren 1956, ist freie Autorin und politische Korrespondentin der taz. Sieben Jahre lang war sie für die taz in Nairobi als Afrika-Korrespondentin. Sie war verheiratet mit einem Kenianer und reist mehrmals im Jahr nach Afrika. 2009 wurde ihr der Medienpreis für Sprachkultur der Gesellschaft für deutsche Sprache verliehen. Bei Eichborn erschienen: Auf der Suche nach Amerika. Begegnungen mit einem fremden Land (2008). Bettina Gaus lebt in Berlin.

Leseprobe

Auf Safari in Afrika

Es ist ein trüber, nasskalter Morgen in Nairobi. Das gemäßigte Klima des kenianischen Hochlandes ist einer der Gründe dafür, dass die Briten zu Beginn des letzten Jahrhunderts hier die Hauptstadt ihres damaligen Protektorats Ostafrika gegründet haben. Aber gemäßigtes Klima bedeutet eben manchmal auch: Schmuddelwetter. So wie dieser Morgen fühlt sich ein unfreundlicher Apriltag in Deutschland an. Und die Stimmung der Reisenden, die vor dem Silver Springs Hotel auf die Abfahrt des Kleinbusses ins tansanische Arusha warten, erinnert an die öde Atmosphäre auf deutschen Regionalbahnhöfen. Keine Spur von jener aufgeregten Vorfreude, die Touristen erfüllt, wenn sie auf Safari gehen. Dabei tun wir genau das. Safari ist ein Swahili-Wort, das schlicht Reise bedeutet – nicht etwa Großwildjagd. Meine Mitreisenden fahren zur Arbeit, zum Vorstellungsgespräch, sie besuchen die Familie oder sie werden an einer Konferenz teilnehmen. Um Alltag geht es, nicht um Abenteuer.

Dass ich diese Einzelheiten überhaupt erfahre, verdanke ich einer Panne. Zunächst sitzen wir schweigend im Bus. Auf den fast leeren Straßen der Innenstadt kommen wir zügig voran. In wenigen Minuten, etwa ab halb sieben Uhr morgens, werden hier Tausende kilometerweit zu Fuß ins Industriegebiet laufen, die meisten in der Hoffnung auf eine Beschäftigung als Tagelöhner. Sammeltaxis verstopfen dann zusammen mit klapprigen Kleinlastern, Luxuslimousinen und verbeulten Rostlauben die Stadt. Die Infrastruktur von Nairobi hält dem wachsenden Bevölkerungsdruck längst nicht mehr stand. Weder die Wasservorrätenoch die Stromversorgung noch eben die Verkehrswege sind auch nur auf die offiziell drei Millionen Menschen ausgelegt, die heute dort wohnen, und vermutlich liegt die reale Einwohnerzahl ohnehin höher. Deshalb kann man, wenn man Pech hat, zur Stoßzeit mehrere Stunden für eine Strecke brauchen, die wir jetzt in knapp 15 Minuten zurücklegen. Dann haben wir die breite Ausfallstraße erreicht, die zum Flughafen führt und – schon bald sehr viel weniger prächtig – weiter in die Küstenstadt Mombasa. Nach ungefähr 40 Kilometern biegen wir rechts ab. In Richtung Tansania.
Wir: das sind zwei kenianische Nonnen, ein indischstämmiges Ehepaar, eine junge Frau, die Mansfield Park von Jane Austen liest. Ein junger Mann, den ich schon beim Einsteigen um seinen besonders kleinen, leichten Rollkoffer beneidet habe. Genau so einen hatte ich vor meiner Abreise vergeblich in Berlin gesucht. Er hat ihn in Nairobi gekauft, wie er mir später erzählt. Das Warenangebot ist dort inzwischen mindestens vergleichbar mit dem europäischer Metropolen. Es gibt für Importeure genug zahlungskräftige Kunden. Außerdem sitzen in dem halb leeren Bus eine Frau aus Ghana und eine Frau aus Malawi. Ein Sikh, am Turban zu erkennen. Ein älterer, weißer US-Amerikaner. Und ich, die ich drei Monate lang Afrika bereisen will. So weit wie möglich auf dem Landweg. Die Passagiere unseres Kleinbusses unterscheiden sich also ebenso sehr voneinander wie die Bewohner von Nairobi insgesamt. Das ist wunderbar.

Vor rund 30 Jahren, als ich Kenia zum ersten Mal besuchte, waren Weiße in öffentlichen Verkehrsmitteln noch Anlass fu¨r Getuschel und neugierige Blicke. Es sei denn, es handelte sich um Rucksacktouristen, an die sich die Bevölkerung damals, eher widerwillig, gerade zu gewöhnen begann. Selbst gewählte Beschwerlichkeiten auf Zeit: Das fanden und finden Leute, die der Armut erst unmittelbar entkommen sind oder die ihr überhaupt nicht entrinnen können, meist weniger eindrucksvoll, als Abenteuerlustige gerne glauben möchten. Viele der dauerhaft in Kenia lebenden Europäer nahmen eine andere Haltung ein als die Besucher auf Zeit. Sie taten seinerzeit so, als sei eine Busfahrt unverantwortlich leichtsinnig. Esstimmte ja damals, und es stimmt noch heute: In Kenia ereignen sich besonders viele schwere Unfälle. Gemessen an der Zahl der zugelassenen Fahrzeuge gehört das ostafrikanische Land in dieser Hinsicht zu den Spitzenreitern im weltweiten Vergleich. Schlechte Straßen, mangelhaft gewartete Fahrzeuge, eine korrupte Polizei und daher unzureichende Kontrollen sind gute Voraussetzungen für traurige Rekorde.
Dennoch gelangt – natürlich – die überwältigende Mehrheit der Reisenden unversehrt an ihr Ziel. Sogar Motorradfahrer überleben ja weltweit im Regelfall ihre Ausflüge, obwohl ihr Verkehrsmittel konkurrenzlos gefährlich ist. Außerdem sind die mit Krankheiten verbundenen Gefahren sehr viel größer als eine Fahrt im Bus. Die meisten Europäer in Afrika waren und sind bereit, hohe gesundheitliche Risiken in Kauf zu nehmen. War also die Furcht vor öffentlichen Verkehrsmitteln damals wirklich nur dem Wunsch nach Sicherheit geschuldet? Oder hing sie auch damit zusammen, dass eine gemeinsame Fahrt frei ist von Hierarchien und körperliche Nähe unausweichlich macht?

Die Kolonialzeit und die Überzeugung, Weiße seien ein besonders wertvoller Teil der Menschheit, die zu allen anderen Leuten gebührend Abstand halten müssten, lag zu Beginn der 80er-Jahre gerade erst eine Generation zurück. Die Fragen werden sich nicht mehr beantworten lassen. Denn inzwischen benutzen eben alle Bevölkerungsgruppen öffentliche Verkehrsmittel. Berührungsängste sind verschwunden oder zumindest kleiner geworden. Nicht immer verlaufen historische Prozesse dramatisch. Manchmal setzt sich auch einfach gelassene Normalität durch. Wie gesagt: wunderbar. Andere Entwicklungen sind nicht ganz so wunderbar. Mit etwa sechs Stunden Reisezeit müsse ich rechnen, hatte Olola mir geschrieben, ein alter kenianischer Freund, der seit vielen Jahren in Tansania arbeitet und mein erster Gastgeber sein würde. Für optimistisch hielt seine Frau Tina diese zeitliche Einschätzung. Ich hielt sie für pessimistisch. Die rund 250 Kilometer von Nairobi nach Arusha hatte ich vor 15 Jahren auf der damals neuen Asphaltstraße mühelos in gut zwei Stunden zurückgelegt, und von dort ist es nur ein kurzer Weg bis in die Kleinstadt Moshi, meinem heutigen Reiseziel in Tansania. Selbst wenn man großzügig eine Stunde für die Grenzformalitäten an der kenianisch-tansanischen Grenze einplant – wo liegt das Problem?

Tina sollte recht behalten. Die Straße ist nämlich keine Straße mehr, sondern ein Acker. Eine von tiefen Gräben durchzogene Kraterlandschaft, in der nur scharfkantige Reste der Asphaltdecke als winzige Inseln an den Komfort von einst erinnern. Der erfüllte Traum jedes Reifenhändlers. Zerfetzte Gummiteile säumen unseren Weg. Es gibt Gründe für den Verfall. Seit 1995 tagt in Arusha der Internationale Strafgerichtshof, vor dem die Anklagen gegen die mutmaßlich Hauptverantwortlichen des Völkermords in Ruanda von 1994 verhandelt werden. Außerdem finden dort regelmäßig internationale Konferenzen statt. Und: Die Stadt ist ein Zentrum des Tourismus, unter anderem für die Besteigung des Kilimandscharo.
Rund 350 000 Einwohner wohnen heute in Arusha, siebenmal mehr als in den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Der Schwerlastverkehr, der ja auch die ausländischen Dauergäste versorgt, ist noch viel stärker angestiegen. Das überfordert auf Dauer jeden Straßenbelag. Selbst dann, wenn Auftraggeber und Auftragnehmer nicht im augenzwinkernden Einverständnis und zum beiderseitigen Nutzen verabreden, die Decke zehn Prozent dünner aufzutragen als offiziell vertraglich vereinbart. Derlei soll gelegentlich vorkommen. Parallel zu dem Acker, auf dem wir unterwegs sind, wird an einer neuen, breiten Straße gebaut. Natürlich unter chinesischer Leitung. Die Chinesen bauen derzeit vieles, was in Afrika im internationalen oder nationalstaatlichen Auftrag errichtet wird. Nicht nur Straßen, sondern auch Flughäfen, Krankenhäuser, Sportstadien, Pipelines. Es ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit: Für die Verbesserung der Infrastruktur gibt es Zugang zu Rohstoffen, vor allem zu Öl, und zu Absatzmärkten. Aber selbst Peking erbaut nicht an einem Tag. Die neue Verkehrsverbindung zwischen Nairobi und Arusha ist eben noch nicht fertig. Deshalb rumpeln wir auf den Resten der einstigen Schnellstraße unserem Ziel entgegen. Solange wir Glück haben. Hundert Kilometer hinter Nairobi, 60 Kilometer vor dem Grenzort Namanga haben wir kein Glück mehr. Wir stehen im Schlamm. Freuden der Regenzeit. Vor uns und schnell auch hinter uns stehen viele andere Autos und fast ebenso viele Lastwagen.
»Vergesst es. Da ist keine Straße mehr. Die Leute hängen hier seit letzter Nacht fest«, sagt keuchend ein Mann, der weit – weit, weit – nach vorne lief, um die aktuelle Lage zu sichten, und der nun von seinem Erkundungsmarsch zurückgekehrt ist. Die aktuelle Lage ist betrüblich. Nichts geht mehr. Wir reagieren je nach Temperament genervt, geduldig, routiniert, resigniert. Oder mit einer Mischung aus all diesen Gefühlen. Wir steigen aus, wir steigen ein, wir steigen erneut aus. Wir plaudern. Wir erfahren: Lastwagen hängen schräg auf dem Weg und versperren die Straße. Man wird abwarten müssen.

Die Szenerie könnte typischer nicht sein für Afrika. Meterhohe, bizarr geformte Termitenhügel und schlanke Agaven ragen aus der unendlich weit erscheinenden Savanne hervor. Unter Schirmakazien weiden Ziegen, Rinder und Schafe. Einige hochgewachsene Männer, die zum Volk der Maasai gehören, laufen mit eleganten Wiegeschritten und langen Hirtenstäben an uns vorbei. Sie grüßen freundlich und ein wenig spöttisch. Keine Frage: Zum ersten Mal sehen sie ein derartiges Chaos hier nicht. Touristen sind von den Maasai fasziniert, die bis heute weitgehend an ihrer traditionellen Lebensweise festhalten und sich – für westliche Augen – ungewöhnlich malerisch kleiden. Bunte Tücher werden um den Körper geschlungen. Auch Männer tragen schwere Ohrringe und perlenverzierte Stirnbänder oder breite Halsreifen. Schmuck der Maasai ist eines der beliebtesten Mitbringsel aus einem Kenia-Urlaub, und in zahlreichen Hotels an der Küste gehören Maasai-Tanzvorführungen zum Standard des Unterhaltungsrepertoires. Viele Kenianer finden die Bräuche und Überzeugungen ihrer berühmten halbnomadischen Landsleute, die nur etwa 2,5 Prozent der Bevölkerung ausmachen, allerdings etwas anstrengend. Vor allem in Dürrezeiten, in denen Wasser knapp ist und Weideland von der Sonne verbrannt, treiben Maasai ihre Rinderherden gerne nach Nairobi. Teils um auf ihre missliche Lage aufmerksam zu machen, teils weil die Hauptstadt mitten in ihrem angestammten Gebiet gebaut wurde und sie ohnehin der Ansicht sind, das Land sei ihnen geraubt worden. In Nairobi lagert dann das Vieh in öffentlichen Parks, wird die Straßen entlanggetrieben oder blockiert schon mal die Startbahn des geschäftigen Regionalflughafens Wilson. Die Stadtbevölkerung ist nicht begeistert.
Derzeit weiden in Nairobi keine Rinderherden. Es herrscht ja keine Dürre. Wie um alles in der Welt soll man die Lastwagen, die weiter vorne im weichen Matsch versunken sind, bloß wieder flottbekommen? Ich male mir aus, wie ich schon am ersten Abend meiner großen Reise wieder in der kenianischen Hauptstadt ankommen werde. Ob dies meine Pläne insgesamt zunichte machen würde? Ja, vielleicht. Natürlich kann man auch ein zweites oder gar ein drittes Mal aufbrechen, aber das ist dann nicht mehr dasselbe. Man hätte schon die konkrete Erfahrung gemacht, dass eine Umkehr jederzeit möglich und manchmal unausweichlich ist. Das mag sich bei künftigen Problemen als allzu verführerisch erweisen. Plötzlich winkt uns der Fahrer ungeduldig heran. Los, los, wir fahren. Bis heute weiß ich nicht, wie die Hindernisse aus dem Weg geräumt wurden. Egal. Hauptsache, sie sind weg. Im Vorbeifahren sehen wir Lastwagen am Straßenrand stehen. Deren Fahrer werden sich weiterhin gedulden müssen, die befahrbare Spur ist für sie noch zu schmal. Aber unser unfreiwilliger Aufenthalt hat weniger als zwei Stunden gedauert, und inzwischen scheint die Sonne. Wie konnte ich nur für möglich halten, wir müssten zurückfahren? Irgendwie geht es doch immer weiter.

Buchinformationen

256 Seiten, Festeinband mit Schutzumschlag.